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Gerrit Krol: Ein ungeladener Gast
Ich fürchte mich nicht vor dem reißenden Tier.
Ich gehöre nicht hierher. Einen Gast läßt man in Frieden.
Jan Kuijper
1
Die Sonne ging unter und beleuchtete die Kneipe, wie es sich für eine Kneipe gehört : mit einem bräunlichen Schimmer. Eiso, der redete, und Hugo, der mit einem Bierdeckel spielte und zuhörte, saßen sich am Lesetisch gegenüber. Hinter dem Tresen war Freddy damit beschäftigt, Gläser aufzufüllen, und für jemanden, der keinen zum Reden hatte, war es schön zuzugucken, wie sie das machte. Übrigens auch, wenn sie gerade mal nichts zu tun hatte und ihre Hand schlaff über den Zapfhahn hängen ließ - sie war wunderbar anzuschauen mit diesen eisblauen Augen.
„Die Frage ist“, sagte Eiso, „ob man das beeinflussen kann. Ich wage es zu bezweifeln. Und wenn ja, wie kann man das zeigen?“ Sie sprachen über Nietzsches Ewige Wiederkehr- ein Gedanke, der, wie Eiso erklärte, nie richtig verstanden worden ist, auch nicht von Nietzsche selbst. Und während er noch erklärte, was diese Wiederkehr denn dann bedeutete, sah er hinter Hugo den Mond aufgehen in Form eines argwöhnischen Gesichts, das sich ihnen langsam zuwandte und lauschte. Ein Halbmond. Kurz darauf, als er sich mit der Achsel über der Stuhllehne hängend ihnen zugewandt hatte – ein Vollmond. Hugo sprach über ein pulsierendes Weltall und Eiso nickte und nickte, er wußte, was Hugo meinte. Fing mir doch der Vollmond da an zu reden. Er hatte sich ganz umgedreht, den Stuhl zwischen seine Beine geklemmt und die Arme darauf gelegt.
„Ein kränkelnder Freud“, sagte er.
„Hm?“
„Eine schreckliche Freudsicht.“
Wieder so'n verflixter Ausländer. Was wollte der jetzt schon wieder?
„Klar“, sagte er. „Wenn sich jede Sekunde unseres Lebens unendliche Male wiederholt, sind wir an die Ewigkeit genagelt wie Jesus Christus ans Kreuz. Das ist eine freudlose Aussicht. In der Welt der Ewigen Wiederkehr lastet so auf jeder Geste eine unerträgliche Verantwortung...“
Dies schien Eiso ausgemachter Unsinn zu sein.
Hugo auch. Er schaute auf seine Uhr, stand brummelnd auf und machte, daß er wegkam. Schönen Dank auch, dachte Eiso. Er blieb zurück mit dem Philosophen, der aus Angst, daß Eiso auch weggehen würde , ein paar Bierchen bestellte. „Aus diesem Grund hat Nietzsche“, sagte er, „Gesundheit. Aus diesem Grund hat Nietzsche den Gedanken der Ewigen Wiederkehr das Schwerste Gewicht genannt. Wenn die Ewige Wiederkehr das schwerste Gewicht ist...“
„Kommen Sie“, sagte Eiso, „wenn Sie die Zeit als etwas Wiederkehrendes darstellen, dann stellen Sie die Zeit als etwas Räumliches dar, das können Sie nicht meinen.“
„Wenn die Ewige Wiederkehr das schwerste Gewicht ist,“, so wiederholte der Mann, um dadurch Eisos Bemerkung durchzustreichen, zwei Mal sogar: „Wenn die Ewige Wiederkehr das schwerste Gewicht ist, kann unser Leben vor diesem Hintergrund in seiner ganzen herrlichen Leichtheit erscheinen. Ist aber...“
Und in dem Stil ging es weiter. Er war wirklich nicht aufzuhalten, weder durch Widerspruch noch durch gleichgültiges Schweigen. Es war, als ob er eine lange Vorlesung hielt, und Eiso glaubte sogar, daß er diese Vorlesung schon mal gehört hatte, gelesen sogar, in Kunderas letztem Roman. Der Mann plapperte einfach nur Kundera nach. „Was also soll man wählen? “, so fuhr er fort. „Das Schwere oder das Leichte? Parmenides hat sich diese Frage im sechsten Jahrhundert vor Christus gestellt. Er sah die ganze Welt in Gegensatzpaare aufgeteilt. Licht Dunkel. Grobheit Feinheit. Wärme Kälte. Sein Nichtsein. Er betrachtete den einen Pol des Gegensatzes als positiv und den anderen als negativ. Eine solche Aufteilung sieht vielleicht kinderleicht aus . Aber dann sag mir doch mal: Was ist positiv, das Schwere oder das Leichte?“
„Kommen Sie, ich gehe nach Hause“, sagte Eiso vergnügt. „Ich gehe mit dir “, sagte der andere. „Das Schwere oder das Leichte?“ Eiso bezahlte, auch für den Philosophen, der viel kleiner war, als er gedacht hatte, als er jetzt so neben ihm stand . Draußen, wo er fast entgegengesetzt zu Eisos Richtung ging, setzte der Mann seine Rede fort. „Das Schwere oder das Leichte? Parmenides antwortetete: Das Leichte ist positiv, das Schwere ist negativ. Aber hatte er Recht? Das ist die Frage. Das ist die Frage und was ist die Antwort ?“
Sie bogen in die Pelsterstraat ein. Endlich schwieg er. Wie ein starker Wind, der stundenlang ums Haus tobt und an den Fensterläden rüttelt, sich plötzlich legen kann und man endlich wieder Raum bekommt für den eigenen Atem, man aufatmet, so konnte Eiso in dieser Stille endlich selbst mal den Mund auftun . Er erzählte dem Fremden, daß sie jetzt an der Stelle der Stadt angekommen waren , die ursprünglich die höchstgelegendste war, und blieb stehen . „Unsere Stadt“, erzählte er, „hat keine Berge, außer dem Hoge Berg im Park und das ist ein künstlich aufgeschütteter Hügel. Aber hier“, sagte er und zeigte auf die Sockelkante der Häuser, „kann man sehen, daß die Stadt auf einem Hügel erbaut ist: Die Straße ist nicht waagerecht wie alle anderen Straßen. Zwischen dem Anfang der Straße und hier, wo wir stehen“, erklärte er, „ist ein Höhenunterschied von ungefähr fünf Steinen und wenn man bis zum Ende der Straße geht, geht man wieder bergab. Da ist es ein Unterschied von zwei bis drei Steinen . Dies ist tatsächlich der höchste Punkt der Stadt.“
„Interessant“, sagte der Fremde. „Bei so wenigen Erhebungen muß ein Hügel wie dieser für die Menschen früher sehr einladend gewesen sein, um ihre Häuser darauf zu bauen. Wir stehen sicher im Mittelpunkt der Stadt.“
„Genau“, sagte Eiso.
Sie gingen weiter, aber nun bergab.
Sie schwiegen und es kam Eiso so vor, als ob der Fremde durch sein Schweigen ein ganz anderer Mann geworden war . Kein Redner mehr, sondern eine Art Pferdeverkäufer ging neben ihm. Ein schneller beleibter Mann, der sicher etwas anderes im Kopf hatte als stadtgeschichtliche Philosophie .
Es stellte sich eine Minute später heraus, daß Eiso sich hierin nicht täuschte. „Ich bin da“, sagte der Mann. Sie standen vor einem niedrigen Haus aus dem 19. Jahrhundert, das mit Efeu bewachsen war . Ein bißchen seltsam , daß sie an ihrem Ziel angekommen waren, denn dieses Haus war auch Eiso nicht unbekannt.
Linda.
Er meinte ihren Schatten zu sehen auf dem heruntergelassenen Rollo, wie sie eine Blumenvase umstellte. Was, wenn er kurz mitkäme, ins Haus?
Der Fremde lachte verlegen und machte Eiso klar, daß Linda ihn erwartete, und zwar ihn allein. Eiso verstand, grinste und da traute sich auch der andere, laut herauszulachen.
Sie gingen auseinander wie zwei, die einander nicht kannten, die nur an der Ecke aneinandergestoßen sind.
Bin ich so nett zu Fremden, dachte Eiso, als er durch den Nordpark lief, daß ich sie einfach so gehen lasse? Selbst wenn sie mit unseren Mädchen schlafen?
Müssen wir ihnen nicht mit unseren Messern zu Leibe rücken? Draht über die Straße spannen, so daß sie vom Fahrrad steigen, und sie zu einer Prügelei zwingen ?
In seiner Wohnung in Paddepoel angekommen, jenseits der Bahnlinie, regte er sich immer mehr auf. Es war, als ob die Wände dieser leeren Behausung zeigten, erst jetzt zeigten , wie einsam er war – ohne Linda. Eine Blume, die nur einen Tag geblüht hat. Wie weh würde es ihm tun, für immer ohne sie zu sein.
Und wie leer war schon allein der nächste Tag. Er rief Hugo an. Der erzählte ihm, daß das Geld ‚unter Dach und Fach’ war, der hatte Glück . „Das Problem ist also aus der Welt, ich kann wieder normal weitermachen. Dann kann dieser russische Flötenkönig tun, was er will, mir fällt er nicht mehr zur Last . Der Mann, der dich gestern abend angesprochen hat“, erklärte Hugo. „ Sicher schwer, den wieder loszuwerden.“
„Ja, was ist das eigentlich für ein komischer Vogel?“, fragte Eiso. „Ich hoffe für dich“, sagte Hugo, „daß er dir nicht oft über den Weg laufen wird, er läuft schon über so viele Wege . Es scheint wieder in Mode zu kommen, universell zu sein. Das beschert uns so mir nichts dir nichts ein paar Köpfe, die über alles Bescheid wissen, die alles können, jedem vor die Füße laufen und eine allgemeine nuisance sind. Mehr erwarte ich von diesem Herrn Brodski nicht, als daß seine Gastdozentur für ein Jahr lang ein universeller pain in the ass sein wird. Hat er sich noch mit dir verabredet? Nein? Dann kannst du dich glücklich schätzen . Oder er hält nichts von dir, das kann natürlich auch sein. Naja, um so besser. Auf jeden Fall...“
Die Ankunft des russischen Professors, oder Dichters, sorgte in der Stadt, die sich die Hauptstadt des Nordens nannte, für gebührenden Wirbel.
„Wer hat ihn eigentlich hergeholt?“, fragte Maya.
„Hugo“, sagte Walter.
„Von wegen, Hugo weiß von gar nichts. Nein, er ist einfach an die Stelle von Horkheimer getreten. Seid ihr ihm schon begegnet?“
„Ich habe ihn im Schwimmbad in der Papiermolenlaan gesehen“, sagte Willy. „Tänzelte endlos auf dem Sprungbrett herum. Schrecklich eingebildeter Typ.“
„Ist ’n Russe“, sagte Arnold, „vergeßt das nicht. Russen haben eine ganz andere vaterländische Geschichte. Die italienische Renaissance ist an ihnen vorbeigezogen . In gewissem Sinne lebt der Russe noch im Mittelalter und das erklärt , was wir die russische Seele nennen. Es erklärt seinen Hang zur Mystik, aber auch seine Rohheit.“
„Er scheint schon perfekt Niederländisch zu sprechen.“
„Oh, dann ist es ein ausgemusteter KGB-Agent“, sagte Walter.
„Peter heißt er.“
„Wenn er Peter heißt, mußt du Pjotr sagen.“
„Er beginnt seine Vorlesungen immer mit Flötenspiel.“
„Verdammt“, sagte Willy.
„Aber was hat ihn hierher verschlagen ? Oder ist es ein Dissident?“
„Wenn es ein Dissident ist, dann müssen wir ihn zu uns nach Hause einladen.“
„Meiner Meinung nach gibt er hier lediglich ein Jahr lang Philosophievorlesungen “, sagte Walter. „Er ist überhaupt kein Dissident.“
„Er wird doch sicher auf einen politischen Dialog aus sein, nehme ich an.“
„Wenn es stimmt, was ich gehört habe, ist er bloß auf Frauen aus. Jede Nacht eine andere.“
„Meine Güte...“, sagte Maya.
„Ist er nicht der Autor von A Part of Speech?“
„Nein, das ist Joseph.“
„Der Tatbestand und seine Hülle, ist das nicht von ihm?“
„Das ist Michael. Nein, dieser Peter hat nichts geschrieben, soweit ich weiß, nur das kleine Kochbuch, das jetzt überall in den Buchläden neben der Kasse liegt.“
2
Eiso saß auf seinem Balkon und schaute auf den Selwederhof-Friedhof mit dem intensiven Blick von einem, der gar nicht schaut, sondern tief in Gedanken versunken ist . Wann war es, daß sie einander begegnet waren ? Letzte Woche? Aber es war seitdem so viel geschehen, daß es schon einen Monat her zu sein schien. War das schnell leben ?
Er erinnerte sich an die berühmten Verse: „Ich träumte, daß ich langsam lebte...langsamer als der älteste Stein“...Bäume, die sich aus der Erde wanden; ein Meer, das anschwoll und geschwind wieder sank, wie eine große Kehle, die trank; Tag und Nacht währen bloß heuer, ihre Flammen und Lohen ein flackerndes Feuer ...Physikalisch gesprochen: Wenn man langsam lebte, drehten sich die Uhrzeiger wie wahnsinnig. Aber wenn die Uhr fast stillstand, lebte man dann...schnell? Wenn man sich langweilte, zum Beispiel? Hatte man in Stunden von Langeweile das Gefühl, daß man schnell lebte? Keineswegs. Also war der Vers falsch, physikalisch gesprochen. Aber poetisch gesprochen war es ein vollkommener, weil unvergeßlicher Vers. Interessant zu sehen, wie Poesie und Physik hier für einen Augenblick ganz weit auseinandergingen .
Erst eine Woche war es her, daß er zum ersten – und zum letzten Mal mit ihr gesprochen hatte, während des Glockenläutens für Angola. Lange Taue hingen aus dem Turm, an denen gezogen und gehangen werden mußte , um das Läuten in Gang zu halten, ein erschreckendes und beeindruckendes Geräusch. Sie waren hinaufgegangen, um ganz aus der Nähe von den schlingernden Ungetümen fast taub zu werden . Lange Zeit, nachdem das Läuten aufgehört hatte, standen sie noch mit den Fingerspitzen in den Ohren da. Sie waren zu zweit übriggeblieben . Sich umdrehend waren sie weiter nach oben gegangen, wie zwei Kinder, die einen himmlischen Gang hinaufliefen .
„Was ist das herrlich , an diesem Fleck allein zu sein!“
Sie beide allein. Sie standen zusammen auf dem hohen Umgang , oberhalb der Glocken, direkt unter der kolossalen Windfahne, ein flacher Dachstuhl fünf Meter lang , und sie waren die einzigen. Mit dem Rücken an die mit Kupfer beschlagene Balustrade gelehnt schaute er zum Horizont und zu ihr . Sie standen nur wenige Schritte voneinander entfernt, so klein, so hoch war die Krone ihres Beisammenseins .
„So weit man die Welt sehen kann“, sagte er, „ist dies der höchste Turm der Welt. Bis zum Horizont steht kein Mensch höher als wir. Schau dir das große A da an, das ist mit seinen 70 Metern eigentlich doch nur eine Turmspitze in der Tiefe .“
„Wir haben hohe Türme“, sagte sie.
„Je flacher das Land“, sagte er, „umso höher die Türme. In der Schweiz gibt es keine hohen Türme. Man kommt an die Uhren, wenn man auf der Erde steht . Echte Türme braucht man nicht, weil es da die Berge gibt. Türme sind Berge.“
„Und du bist der Größte“, sagte sie lachend, während sie zu ihm aufschaute, „größer als du ist jetzt niemand auf dieser Welt.“
Dafür brauche ich nun wirklich nicht auf einem Turm zu stehen, dachte er, aber zum Glück behielt er das für sich.
Der Wind wehte in langen Strömen an ihnen vorbei und über die Stadt, ungefähr so wie man atmosphärische Linien in der Luft gezeichnet sieht. Isothermen aus dem Osten, die über ihren Köpfen ein Maximum fanden .
„Trotzdem kenne ich dich irgendwoher“, sagte sie.
Das stimmte. Sie war Assistentin in der UB und da war er oft genug, um jetzt vage von ihr erkannt zu werden. Dieses Buch über Fraktale. Ach ja, natürlich, jetzt wußte sie es wieder.
Und über Bücher sprechend, und über Literatur - „ich lese unglaublich schnell, nur im Urlaub mach ich das ganz gemütlich , dann genieße ich erst, kannst du dir das vorstellen?“ - waren sie nach Hause gegangen. Als es zu regnen anfing, hatte sie sich bei ihm eingehakt , unter ihrem Schirm.
Kannst du dir das vorstellen? Nein, das sagte sie nicht. Sie sagte, kannst du dir das vorstell'n?
Ein seltsamer Nachmittag. Auf Photos fand man das auch schon mal . Es war, als ob er, aufgenommen in der Einsamkeit einer Landschaft, durch ein Schlüsselloch guckte. Es war, als ob sie das Schlüsselloch war, durch das er Einsicht in eine andere Welt bekam, in der es ihm nicht zu leben vergönnt war.
Eiso saß auf seinem zerwühlten Bett mit dem Telefon auf dem Schoß, rief immer wieder an, und wartete, bis sie abnahm.
Linda nahm nicht ab. Sie ging durch die Stadt. Sie schritt weiter am Wasser entlang, das in der Sonne funkelte. Auf Fliesen. Es war, als ob sie auf Fliesen in einem Schwimmbad lief, so hart und schallend kamen ihre Beine auf.
Sie schritt weiter am Wasser entlang und an der Autowerkstatt an der Ecke vorbei: glänzend rote Autos im Showroom, Licht, das von allen Seiten auf sie einschlug und auf den gläsernen Saiten ihrer Seele spielte. Und als sie kurz darauf bei einem Geschäft für Damenmode aus einem Wühltisch , der auf der Straße stand, Tücher zog, um zu sehen, ob die Farbe ihr gefiel – keine Farbe, die, ihrem Wesen hinzugefügt, nicht die schönste Farbe der Welt war .
Sie atmete tief die frische Luft ein, die sie auch unter ihren Achseln spürte, und sie hatte dieselbe Empfindung wie damals, als sie vor einigen Studenten zu Vorschein gekommen war , um gezeichnet zu werden: das Gefühl, ein Ganzes mit dieser Erde zu sein .
Wo war Eiso? Eiso war in die Turftorenstraat gegangen, zu dem Haus mit dem Efeu , wo er klingelte. Aber keiner , der öffnete. Wo war Linda? War die vielleicht auf der Suche nach Eiso? Nein, Linda suchte Eiso nicht. Sie war mit der blauen Jacke um ihre Schultern und mit dem Tuch wie eine Fahne hinter sich noch in den Korreweg gegangen, in die Ey soniusstraat, zu ihrer Freundin, um erzählen zu können, wie seltsam glücklich sie war . Aber als sie dort ankam, lief sie am Haus vorbei, denn wer wirklich glücklich ist, wer vor Glück platzt, will keine Menschen mehr um sich haben. Eine Stunde später flog sie über die Autobahn Richtung Süden, über Flüsse hinweg, unter Kanälen hindurch, über Berge und durch Täler, ja überall ist Gott. Und was jeder schon mal erlebt hat auf einer neuen modernen Straße, wurde in Lindas wunderbarer Fahrt tausendfach verstärkt: wie die Schönheit einer technischen Konstruktion zu unserem Glücksgefühl beitragen kann.
Bei Hooghalen bog sie von der Straße ab. Auf einem kleinen weißen Sandweg hielt sie an – um zu Fuß weiterzugehen. In ihrer blauen Jacke blieb sie stehen, am Rande eines Tümpels, und sie wunderte sich darüber, daß es sie gab .
Sie schlug die Augen auf und holte tief Atem.
„Was ist unser Leben?“ zitierte sie. „Ein Seufzer zwischen zwei ewigen Schweigen. “
Aber zwischen diesen zwei Schweigen hat man erst dann wirklich gelebt, wenn es mindestens einen Moment gab, den man als 'ewig' erlebt hat. Dann hat man Widerstand geleistet.
...wo die Liebe nicht zuende geht .
Das Wasser sinkt, dreht das Rietgras in Strudeln und es sagt ich bin das Wasser und steigt. Odem , Erde, Odem, erhebe uns und schmeiß uns wieder hinab. Nenne die Namen, schreib sie für uns zusammen in Stein .
Totenstill stand sie, die Augen geschlossen, so wie man die Augen schließt, indem man sie nach oben dreht, weil ein galanter Verehrer einem auf dem Rücken reitet . Reite, o Reiter, sinke o Höhe in mich hinab. Ich bin nichts als der Boden, auf dem du stehst. Deine Erhebung bin ich, dein Atem, dein Herz, das in mir schlägt, der Mund, der mich schmeckt, ich bin dein Atem, ohne mich bist du nichts...
Die Sonne stand auf einer Feuersäule, ging darin unter, und auch das Feuer verschwand.
Sie lief durch das hohe gelbe Gras zurück zu dem Sandweg, wo ganze Wälder von Nachtkerzen sie grüßten, indem sie aufsprangen, eine nach der anderen.
Und die Bäume, diese zwei alten Gerippe, die vielleicht schon jahrhundertelang nebeneinander standen, und die Kuhherden , die, eben aus den Ställen freigelassen, nicht aufhörten zu traben , Hunderte zugleich und alle in dieselbe Richtung, schwenkend wie in einem Schwarm.
Als sie alle still standen, um Linda anzuschauen, war es ein gewaltiges Schnauben, das sie hörte, sehen konnte sie schon nicht mehr viel, es war schnell dunkel geworden.
Sie ging zu ihrem Auto, sie fuhr über den Sandweg weiter, bis sie zu einem Hotel kam, 'Dianaheide'.
Bevor sie schlafenging, saß sie noch eine Weile in der Schankstube, in einer Ecke, um sich von sich selbst zu erholen und um gewahr zu werden , daß sie allein war, ganz allein.
„Hinweggegangen bleibst Du immer gegenwärtig.“
Wie hatte sie diese Verse behalten, irgendwann, bevor sie wußte, was sie bedeuten sollten?
Wer? Wer um Himmels willen war noch auf der Erde gegenwärtig?
Sie ließ sich eine Packung Zigaretten bringen und Streichhölzer. Sie mußte kühlen Rauch in sich fühlen, um zu sich selbst zu kommen und zu entdecken, daß sie das nie mehr würde können oder wollen: zu sich selbst kommen. Sie legte ihren Kopf zurück in dem hohen Ledersessel und schloß verzweifelt die Augen. Mein Gott, was war nur mit ihr geschehen?
Ein schneller Strom war es, von dem sie sich mitreißen ließ , unterwegs zu dem schmerzlichen Ende, das übrigens süßer ist als jedes andere Ende, wo man wirklich Abschied nehmen muß.
Die endlosen Staatswälder von Drenthe, mit geraden Alleen, da lief sie. Und über die Heide, die endlose Heide lief sie. Unten, auf dem Grund eines gigantischen Weltalls. Totenstill war es in dem Weltall und sie wurde kleiner und kleiner, um schließlich hinter ein paar fernen Hügeln zu verschwinden.
Wer sie noch gesehen hat , das war der Lokführer des ersten Zuges. Während er herangebraust kam, sah er plötzlich 'eine blaue Dame' auf die Gleise treten und, als ob sie zögerte, zurücktreten , doch zu spät.
Der Zug kam zum Stillstand – ein Stück weiter. Sie wurde neben den Gleisen gefunden. Unverletzt. Als ob sie nur eine Ohrfeige bekommen hätte.
Der Zug blieb zwei Stunden lang stehen, weil die ganze Zeit kein Lokführer da war, um weiterzufahren .
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